Chancengerechtigkeit

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Chancengerechtigkeit

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Junge Menschen1 glauben an und fordern ein gerechtes Land für alle, in dem jede_r genug zum Leben hat und jedem die gleiche Chance auf ein gutes Leben ermöglicht wird. Jeder einzelne Mensch soll durch Respekt, Toleranz, eine gleichberechtigte Gesellschaft und den Zusammenhalt aller mehr Entscheidungsfreiheiten bekommen und seinen Lebensweg nach seinen Bedürfnissen gestalten dürfen.

Voraussetzung dafür ist die Sicherheit, bei Zukunftsentscheidungen Unterstützung und Akzeptanz zu erfahren. Wie weit unsere Gesellschaft von diesem Ideal noch entfernt ist, wird besonders in den Äußerungen der Teilnehmenden zu Bildungszugängen, Jobeinstieg und dem Arbeitsmarkt deutlich. Welche Arbeit wird wie entlohnt, wer hat Zugang zu Führungspositionen und guten Arbeitsbedingungen?

„Prekäre Beschäftigung muss abgeschafft und allen Menschen der Zugang zu guter und gerecht entlohnter Arbeit ermöglicht werden.“

Beitrag aus der Beteiligungsrunde hochINKLUSIV (1) Mittendrin statt außen vor

Die Verbesserung von Chancengerechtigkeit ist nach Sicht der Jugendlichen an eine Vielzahl Handlungsbedarfe geknüpft, die mit dem Thema in seiner Bandbreite ganzheitlich umgehen. Dies beinhaltet Unterschiede zwischen Stadt und ländlichem Raum sowie zwischen den einzelnen Bundesländern, Zukunftschancen bei unterschiedlichen Bildungshintergründen, Unterschiedliche Einkommensverhältnisse der Familien, das Schul- und Ausbildungssystem bzw. dessen Zugänge, Einwanderung und Aufnahmegesellschaft, Diskriminierungen hinsichtlich sexueller Orientierung, Geschlecht, Hautfarbe, Religion, usw.

Forderung junger Menschen:

  • Chancengerechtigkeit muss ganzheitlich angegangen werden und sich als Mittelpunkt des Handelns von Politik und Medien etablieren.

Jugend auf dem Land nicht abhängen!

Durch demografische Entwicklungen werden Einrichtungen geschlossen, Schulen zusammengelegt etc. So gelangt die Jugend im ländlichen Raum in Situationen, in denen zum Teil große Strecken überwunden werden müssen. Es darf aber nicht den halben Tag dauern, Schule oder Ausbildungsstelle zu erreichen, nur weil der Bus alle zwei Stunden fährt. Denn die verlorene Zeit fehlt später an anderer Stelle und wirkt sich negativ auf die Möglichkeiten des Engagements junger Menschen und die Chance zur Wahrnehmung von außerschulischen Angeboten aus. Schulschließungen sollten daher unbedingt vermieden, Transportmittel der ÖPNV-Infrastruktur müssen dringend verbessert werden. Transportmittel müssen für alle zugänglich sein und durch andere Angebote ergänzt werden, zum Beispiel die Leihmöglichkeit eines Fahrrads oder E-Bikes.

„„Es sollte einen Fahrservice für AG-Mitglieder geben, da diese erst recht spät nach Hause kommen, wenn in ländlichen Gegenden keine Busse mehr fahren.““

Beitrag aus der Beteiligungsrunde „WohlfühlFactorY Bildung und Lebenswege morgen“

Angebote für junge Menschen

Kulturangebote, abwechslungsreiche Sportangebote, aufsuchende Jugendarbeit und gut erreichbare Räume für Jugendliche sollten auch in kleinen Gemeinden einen zentralen Platz einnehmen oder so aufgeteilt werden, dass ihre Durchführung weiterhin ermöglicht wird. Jugendarbeit muss ausreichend gefördert werden, um ihren Aufgaben auch in ländlichen Gebieten nachkommen zu können. Beteiligungsstrukturen für Kinder und Jugendliche müssen auch auf dem Land erreichbar und verständlich sein. Darüber hinaus äußerten sich junge Menschen besorgt über die ungleiche medizinische Versorgung zwischen Stadt und Land und die damit einhergehenden, langfristigen Konsequenzen.

Internet schafft gleiche Zugänge

Gut zugängliches, kostengünstiges oder im besten Falle kostenloses Internet für alle ist eine weitere Forderung, um den gleichen Zugang für alle zu Informationen, Angeboten und Vernetzungsmöglichkeiten zu sichern.

Forderungen junger Menschen:

  • Mobilität junger Menschen auf dem Land sichern.
  • Schulschließungen verhindern.
  • Angebote der Jugendarbeit und außerschulische Angebote auf dem Land stärken.
  • Internetzugang für alle.
Infrastruktur Demografie

Zugänge zu Bildung und Ausbildung müssen für alle gesichert werden

 

„„Das Leben muss für junge Menschen während des Studiums bzw. der Ausbildung finanzierbar sein. Dazu gehören einkommensunabhängiges BAFÖG, bezahlbare Mieten, faire Arbeitsverträge (nicht nur 6-Monatsverträge) und die Abschaffung der Studiengebühren.““

Beitrag aus der Beteiligungsrunde „Wirkung>>>LOS! Vom Prozess zur Politik”

Zugänge zu Bildung und attraktiven Ausbildungsplätzen dürfen nicht vom Wohnort, Bundesland oder vom Einkommen der Eltern abhängen. Um studieren zu können oder eine gute Ausbildung anzutreten, müssen viele junge Menschen, gerade aus dem ländlichen Raum, von zu Hause wegziehen und sich eigenständig ein Leben aufbauen. Finanzielle Belastungen in solchen Situationen sind oft größer als die pauschale Berechnung, die dem BAFöG zugrunde liegt. Wohlwollen und Möglichkeiten der einzelnen Familien, ihre Kinder finanziell zu unterstützen, dürfen nicht über die Zukunftschancen entscheiden. Junge Menschen fordern ein höheres BAFöG für eine größere Zahl Studierender und Schüler_innen. Zudem sollten kleine Betriebe in Gemeinden besser dabei unterstützt werden, Auszubildende aufnehmen zu können.

Um einen besseren Zugang zu Ausbildungsplätzen zu schaffen, sollte nach Ansicht der jungen Menschen ein gesetzlicher Anspruch auf Ausbildungsplätze existieren und die EU-Jugendgarantie ernsthafte Umsetzung finden.

Hochqualitative Schule für alle

Auch die Bedingungen, unter denen gelernt wird müssen sich nach Ansicht der jungen Menschen grundsätzlich ändern. Schulgebäude und –Ausstattung sind oft veraltet, Klassenverbände grundsätzlich zu groß, um individuelles Lernen zu ermöglichen. Außerdem fehlt es an Lehrpersonal. Es reicht nicht aus, mal hier und mal da eine Schule zu modernisieren. Alle Kinder und Jugendlichen der Republik haben denselben Anspruch auf hochqualitative Bildung.
Im Unterricht sollten inhaltlich mehr lebensnahe Themen und Werte vermittelt werden, die im späteren Leben einen reellen Kompass bieten können. Schüler_innen wollen ihre Lehrpläne aktiv mitgestalten dürfen, mehr Aktualitäten und mehr Praxiserfahrungen sammeln können. Insbesondere in Ganztagsmodellen, in denen Freizeit, Talente, Orientierung etc. zunehmend in den Raum Schule gebracht werden, müssen Möglichkeiten der Selbstfindung geschaffen werden. Zudem sollte die Schule den späteren Übergang zu Studium oder Ausbildung besser vorbereiten und bei Bedarf und bei Brüchen besser auffangen.

Unterschiede zwischen Bundesländern ausgleichen

Die Unterschiede zwischen den Bildungssystemen und –Niveaus der Bundesländer sind ebenfalls ein Faktor für ungleiche Chancen bzw. Zugänge zu weiterführender Bildung, Studium, etc. (Beispiel: Numerus Clausus). Es sollten zum einen bundesweit einheitliche Regelungen gelten, um die Vergleichbarkeit von Abschlüssen sicherzustellen. Aber auch im Bereich Freistellung der Schüler_innen vom Unterricht für ehrenamtliches Engagement müssen bundesweit vergleichbare Möglichkeiten geschaffen werden. Es ist derzeit nicht allen Jugendlichen gleichermaßen offen, sich außerschulisch einzubringen und fortzubilden.

Mehr Wert auf Gesundheit

Es wurde auch der Wunsch geäußert, dass in Schulen mehr Wert auf Gesundheit, insbesondere eine gesunde Ernährung, Sport und gesundheitliche Aufklärung gelegt wird. Nicht alle Elternhäuser kommen diesen Aufgaben ausreichend nach, dabei sind Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung darauf angewiesen, sich gut zu ernähren und ausreichend zu bewegen. Das Essensangebot in Schulen sollte hierbei vorbildlich gestaltet sein und für alle zugänglich gemacht werden.

Weitere Forderungen junger Menschen:

  • Qualifizierte Berufsberatung ermöglichen.
  • Praxiserfahrungen bereits in der Schule stärken.
  • Individuelles Lernen ermöglichen.
  • Angebote fördern, die der Selbstfindung und Selbstbestimmung helfen.
  • BAFöG erhöhen und zugänglich für alle machen.
  • EU-Jugendgarantie umsetzen.
Beschäftigung und Ausbildung Schule

 Der Einstieg in die Arbeitswelt

Auch beim Arbeitsmarkt haben junge Menschen den Eindruck, dass nicht genug für die Chancengerechtigkeit getan wird. Es wird kritisiert, dass immer noch nicht genügend Frauen Führungspositionen oder politische Ämter übertragen bekommen und dass frühe Familiengründungen zu Nachteilen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt führen. Junge Eltern sollten ihre Elternzeit deshalb nach Meinung der Teilnehmenden für Aus- und Weiterbildung nutzen dürfen. Die Unis müssten dafür jedoch wesentlich familienfreundlicher werden und zuverlässige Kinderbetreuungen anbieten.

Junge Menschen kritisieren, dass Arbeit nicht fair genug entlohnt werde: Wohnung, Essen, Gesundheitsvorsorge und Urlaub müssen eigentlich von einem Lohn bezahlt werden können, dies ist aber längst nicht mehr der Fall. Befristete Verträge insbesondere für junge Angestellte und multiple Arbeitsverhältnisse zum Bestreiten des Lebensunterhalts schüren Ungleichheiten und Unsicherheit zusätzlich, da nicht mehr langfristig geplant werden kann und arbeitsrechtliche Maßnahmen zu Urlaub oder Überstunden nicht greifen.

„„In einer gerechten Welt bekommen alle Menschen, die das gleiche leisten auch die gleiche Entlohnung egal wie sie aussehen und woher sie kommen. In einer gerechten Welt, haben alle Menschen genug zum Leben. Das heißt nicht nur Essen, Trinken, Wohnung, Fernseher, Technik, Internet und Bildung, sondern auch die Möglichkeit, sich zu entwickeln und die Welt zu gestalten.““

Beitrag aus der Beteiligungsrunde „Das muss sein!“

Bessere Arbeitsbedingungen und bessere Gehälter

Zwischen den Branchen sind gute Arbeitsbedingungen und Löhne nach Ansicht der Teilnehmenden nicht verhältnismäßig verteilt. Aber auch innerhalb der Branchen sind die Gräben groß: insbesondere zwischen den Löhnen der Spitzenpositionen und dem Durchschnittsgehalt. Flexible Arbeitszeiten, Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf sowie Sicherheit der Arbeitsplätze für alle Arbeitenden sollten wieder mehr in den Fokus rücken. Insgesamt muss nach Aussage der jungen Menschen mehr Wertschätzung und Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt angestrebt werden, insbesondere im sozialen Sektor fordern junge Menschen deutlich bessere Gehälter. Darüber hinaus kommt das bedingungslose Grundeinkommen immer wieder zur Sprache.

Forderungen junger Menschen:

  • Zugang zu Bildung, Ausbildung und Weiterbildung in jedem Alter.
  • Stärkung junger Familien.
  • Gute Arbeitsbedingungen.
  • Unbefristete Arbeitsverträge.
  • Arbeit muss sich lohnen.
  • Bedingungsloses Grundeinkommen.
  • Erhöhung des Mindestlohns.
Beschäftigung und Ausbildung

Zukunftschancen von Eingewanderten

Junge Menschen kritisieren, dass Neuankommende in unserer Gesellschaft in Abhängigkeiten gedrängt und trotzdem anschließend schnell vergessen werden. Vorhandende Integrationsbemühungen, Deutschkurse und Begegnungsangebote reichen bei weitem nicht aus. Kommen dann noch Faktoren wie lückenhafte Bildungshintergründe und soziale Ungleichheit hinzu, sieht es schlecht aus für die Zukunftschancen von Eingewanderten in Deutschland.

Zugänge und Angebote schaffen

Junge Geflüchtete sollten gratis Zugang zu Bildungsangeboten erhalten, um eine Chance zu bekommen mit ihren biografischen Brüchen umzugehen und trotzdem ein selbstbestimmtes Leben gestalten zu können. Vorurteile müssen auf allen Seiten abgebaut werden, denn für eine reelle Chancengerechtigkeit sind Toleranz, Respekt und Anerkennung sowie ein friedliches Miteinander eine Grundvoraussetzung. Durch Angebote politischer Teilhabe, Bildung und Aufklärung über die gegenseitigen Kulturen soll ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen und gestärkt werden, damit sich die Menschen offen begegnen und gegenseitig im Alltag helfen. Ankommende sollten in würdigem Wohnraum in verschiedenen Gegenden untergebracht werden können. Es sollte zudem dringend erleichtert werden, dass Geflüchtete oder Eingewanderte eine Arbeitserlaubnis beantragen können und ihre Bildungsabschlüsse anerkannt werden.

Deshalb fordern sie:

  • Anerkennung ausländischer Ausbildungen.
  • Arbeitserlaubnis für Zugewanderte.
  • Besonderer Schutz junger Geflüchteter.
  • Integrationsangebote zur Stärkung des Zusammenhalts.

1Seit 2010 haben junge Menschen an den Beteiligungsprojekten des DBJR teilgenommen. Ihre Positionen zu (jugend)politischen Themen wurden gesammelt und in Politikprozesse eingebracht (››Prozesse). Dabei herausgekommen ist eine Bandbreite an Forderungen, die nicht repräsentativ sind, aber einen Einblick in die Themen geben, die den Teilnehmenden wichtig sind (››junge Themen).