Beteiligung

Beteiligungmussselbstverständlichsein

Beteiligung

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Viele junge Menschen1 wollen sich aktiv einbringen und bei den sie betreffenden und für sie wichtigen Themen mitbestimmen. Sie wünschen sich, dass sie als Gesprächspartner_innen ernst genommen und ihre Vorschläge und Bedürfnisse berücksichtigt werden. Denn sie wissen am besten, was sie wollen und brauchen – und sie wünschen sich, dass sie in diesem Bewusstsein bestärkt und dazu befähigt werden, ihre Welt kompetent mitzugestalten.

Doch ihre Themen und Bedürfnisse sehen sie noch viel zu weit entfernt vom Fokus der Politik. Sie wollen mehr Verbindlichkeit der Politiker_innen gegenüber den Vorschlägen junger Menschen. Diese müssten deutlich machen, dass die Mitwirkung von jungen Menschen gewünscht ist, dass sie ein offenes Ohr für ihre Belange haben und sie in der Verwirklichung ihrer Interessen unterstützen.

„Junge Menschen sollten an allen kommunalen und regionalen Entscheidungen beteiligt werden.“

Beitrag aus der Beteiligungsrunde „Jugendbeteiligung – Selbstverständlich?!“

Deshalb fordern sie:

  • Mehr und kontinuierliche Möglichkeiten der Jugendbeteiligung mit tatsächlichen Entscheidungsbefugnissen. Diese müssen niedrigschwellig und attraktiv sein, damit sie bei jungen Menschen auf Interesse stoßen.
  • Einen offenen Dialog zwischen Politiker_innen und jungen Menschen, der über die klassischen Podiumsdiskussionen hinausgeht.
  • Dauerhafte Kommunikationsstrukturen zwischen der Politik, der Jugendarbeit und Jugendlichen sollen eingerichtet werden.
  • Die gesetzliche Verankerung der Partizipation junger Menschen auf allen Ebenen der Politik, insbesondere aber in der Kommune.
  • Gremien oder Ausschüsse, die über Angelegenheiten junger Menschen beraten, sollten eine ständige Jugendvertretung mit zumindest beratender Stimme haben.
  • Jugendringe und -organisationen sollten in ihrer Rolle als Interessenvertretung junger Menschen anerkannt und ihnen ein klarer Rahmen gegeben werden, der ihre Unabhängigkeit und Mitwirkung an Entscheidungsprozessen sicherstellt.
  • Erhalt und Ausbau der Entscheidungsmacht von Jugendhilfeausschüssen, die bereits jetzt die Einbeziehung junger Menschen auf kommunaler Ebene ermöglichen.

Wie Beteiligung funktionieren kann

Junge Menschen sind nicht alle gleich und deshalb benötigen sie auch verschiedene Konzepte der Partizipation. Offene Angebote in einem Jugendcafé sprechen andere Jugendliche an, als eine Podiumsdiskussion mit Fragerunde. Gezielte Angebote sehen die Teilnehmenden deshalb als das A und O von gelungener Jugendbeteiligung an. Entscheidungsträger_innen sollten dabei verdeutlichen, was geht und was nicht. Dabei dürften sie nicht „abgehoben“ auftreten, sondern müssten respektvoll mit jungen Menschen umgehen. Wichtig ist auch, dass Versprechen eingehalten werden und dass Entscheidungsträger_innen über ihren Schatten springen und tatsächlich Entscheidungsmacht an junge Menschen abtreten, damit die Beteiligung nicht allein für repräsentative Zwecke genutzt wird.

„Partizipation muss aufsuchend sein.“

Beitrag aus der Beteiligungsrunde „Jugendbeteiligung – Selbstverständlich?!“

Ergänzend dazu fordern sie:

  • Dauerhafte Beteiligungsstrukturen statt einzelner Projekte.
  • Beteiligung darf kein Selbstzweck sein und daher muss immer die Frage im Zentrum stehen: Woran soll wie und mit welchem Zweck beteiligt werden? Diese müsse auch für junge Menschen transparent von der Politik beantwortet werden.
  • Bessere finanzielle Unterstützung bestehender Strukturen, wie Kinder- und Jugendverbände.

Vielfältige Beteiligungsformate

Die Beteiligungsformate müssen nach Ansicht der Teilnehmenden in ihrer Form, Sprache und konkreten Ausgestaltung an den Lebenswelten, Ressourcen und Kommunikationsgewohnheiten junger Menschen ausgerichtet werden. Ziel muss es sein, möglichst viele Jugendliche einzubinden – daher darf die Sprache beispielsweise nicht allein für Gymnasiast_innen verständlich sein. Oder die Formate sollten nicht allein auf Online-Tools basieren, bei denen ein regelmäßiger Zugang zum Internet Voraussetzung ist. Online-Formate bergen aber auch die Chance, durch Bild, Ton oder Film junge Menschen zu erreichen, die nicht so gern lesen und schreiben oder keine ausreichenden Deutschkenntnisse haben. Deshalb können sie eine gute Ergänzung und Bereicherung für Beteiligungsprojekte sein. Ihr Anteil ist dann von den Themen abhängig.

Beteiligung lernen

Kinder und Jugendliche sollten schon früh lernen, wie demokratische Strukturen funktionieren und wie sie sich selbst dort einbringen können. Das Interesse für Politik sollte vor allem in der Schule geweckt werden. Eine aktuelle und interessant gestaltete politische und gesellschaftliche Bildung sollte im Unterricht mehr Raum bekommen, die über eine reine Wissensvermittlung hinausgeht. Hier könne über bestehende Partizipationsmöglichkeiten informiert und durch Projekte ein persönlicher Bezug der Schüler_innen zur Politik und den Beteiligungsmöglichkeiten vor Ort hergestellt werden.

„Mindestens eine Stunde pro Woche für politische Bildung zu aktuellen politischen Themen.“

Beitrag aus der Beteiligungsrunde „Jugendbeteiligung an Wahlen“

Schule & Partizipation

Daneben ist die Schule aber auch der Ort, an dem Partizipation ganz konkret erlernt werden kann. Kinder und Jugendliche fordern also, dass die Beteiligungsmöglichkeiten an Schulen ausgebaut werden. Sie sollten nicht nur für die gewählten Vertreter_innen gelten, sondern auf alle Lernenden ausgeweitet werden. Zudem müssten Schulen ganz konkret Verantwortung und Entscheidungsmacht an Schüler_innen abgeben und diese dazu ermutigen, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen.

Außerschulische Bildung

Außerdem erfahren junge Menschen besonders in ihrem ehrenamtlichen Engagement was es bedeutet, sich für die eigenen und die Interessen anderer einzusetzen und gemeinsam etwas zu erreichen. Die gelebte Partizipation in Jugendverbänden, das gemeinsame Entwickeln von Positionen und das Erlernen von Fähigkeiten, die im politischen Bereich notwendig sind, wird als eine wichtige Lernerfahrung empfunden. Sie fordern daher eine ausreichende finanzielle Unterstützung für die Verbände und einen Ausbau der Kooperation von Schulen mit den Jugendverbänden. Des Weiteren brauche es ein kinder- und jugendgerechtes Bildungsfernsehen sowie mehr Kinder- und Jugendzeitungen, in denen politische Themen beleuchtet werden.

Schule Engagement

Beteiligung bei Wahlen

Anstatt darüber zu klagen, dass die Wahlbeteiligung von Erstwähler_innen zu niedrig ist, sehen junge Menschen die Politik selbst in der Verantwortung, daran etwas zu ändern. Sie würden motiviert wählen gehen, wenn ihre Stimme als wertvoll angesehen werde und sie das Gefühl hätten, dadurch wirklich Dinge beeinflussen zu können. Deshalb seien Wahlen interessanter, deren Ausgang greifbare Auswirkungen auf das Leben junger Menschen hätten. Je direkter eine Wahl sie beträfe, desto leichter falle es, Stellung zu beziehen. Darüber hinaus sollten Politiker_innen verstärkt auf junge Menschen zugehen, ihnen zuhören und sich auch auf die Sprache junger Menschen einlassen.

„Was mich motiviert, an Wahlen teilzunehmen, ist das Gefühl dadurch wirklich Dinge mitbestimmen zu können.“

Beitrag aus der Beteiligungsrunde „Jugendbeteiligung an Wahlen“

Judit Schoth/DBJR

Konkret fordern junge Menschen:

  • Parteien sollten besser darstellen, was politische Entscheidungen für die Bürger_innen im Kleinen bedeuten und was sie für junge Menschen tun wollen.
  • Politische Entscheidung und die Positionsfindung innerhalb der Parteien sollte transparenter sein und mit Formen der ePartizipation demokratisiert werden.
  • Durch jugendgerechte Materialien und Veranstaltungsformate sollen die Parteien über ihre Programme informieren.
  • Das Wahlrecht soll verändert werden, so dass Jugendliche leichter an Wahlen teilnehmen können. Dafür wünschen sie sich Handywahlen, kürzere Wahlperioden, mehr Bürgerentscheide und die Senkung des Wahlalters.

Beteiligung junger Menschen mit Migrationshintergrund

Junge Menschen mit Migrationshintergrund haben es laut den Teilnehmenden oft schwerer als andere, sich mit ihren Wünschen und Forderungen Gehör zu verschaffen. Denn Politik und Gesellschaft sprechen überwiegend über sie und nicht mit ihnen. Doch ist eine gleichberechtigte Teilhabe von jungen Menschen mit Migrationshintergrund von großer Bedeutung, um diesen zu zeigen, dass sie dazugehören. Junge Menschen fordern daher von der Politik die Beteiligung von jungen Migrant_innen auf die Agenda zu setzen, ihnen nicht nur ein Angebot der Integration zu bieten, sondern wahre Beteiligung zu ermöglichen. Dafür müsste noch viel stärker als bisher vermittelt werden, dass die Beiträge von Migrant_innen wertvoll sind und diese ein Teil der Gesellschaft. Durch Projekte in der Migrationsarbeit könnten junge Menschen mit Migrationshintergrund an demokratische Institutionen herangeführt werden. Eine kontinuierliche und verlässliche Finanzierung für selbstorganisierte Verbände und Projekte von Migrant_innen stellt sicher, dass diese als Gesprächspartner_innen wahrgenommen werden und sich einbringen können. Zudem schlagen manche junge Menschen eine Quote für Menschen mit Migrationshintergrund in allen politischen Gremien vor.

1Seit 2010 haben junge Menschen an den Beteiligungsprojekten des DBJR teilgenommen. Ihre Positionen zu (jugend)politischen Themen wurden gesammelt und in Politikprozesse eingebracht (››Prozesse). Dabei herausgekommen ist eine Bandbreite an Forderungen, die nicht repräsentativ sind, aber einen Einblick in die Themen geben, die den Teilnehmenden wichtig sind (››junge Themen).