Jugend Macht Zukunft

ImpulseausderPraxis-Interview

Jugend Macht Zukunft

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ein Interview mit Martin Gneist – Kinder- und Jugendring Sachsen Anhalt

c) privat

Kannst du dich persönlich kurz vorstellen?

Mein Name ist Martin, ich bin 30 Jahre alt und arbeite seit Mai 2017 als „Referent für Eigenständige Jugendpolitik“ im Projekt „Jugend Macht Zukunft“ beim Kinder- und Jugendring Sachsen-Anhalt e.V. Studiert habe ich in Magdeburg Politikwissenschaft und Soziologie.

In eigenen Worten: kannst du kurz den Hintergrund, das Vorgehen und das Ziel des Projekts Jugend Macht Zukunft erklären?

Das Projekt, welches seit 2014 besteht, geht aus einem Landtagsbeschluss hervor. Demnach sollte Jugendpolitik in Sachsen-Anhalt als eigenständiges, ressortübergreifendes Politikfeld erarbeitet werden. Das Kooperationsprojekt „Jugend Macht Zukunft“ mit dem Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration soll Jugendpolitik unter Beteiligung junger Menschen konzipieren. Partizipationsstrukturen sollen damit nachhaltig gestärkt werden.

In der aktuellen Projektphase gibt es hierfür zwei Säulen. Auf der einen Seite sollen durch Workshops Beteiligungsprozesse vor Ort unterstützt werden. Auf der anderen Seite sollen im Rahmen einer Fortbildungsreihe gemeinsam mit Verwaltungsmitarbeiter*innen Maßnahmen zur strukturellen Verankerung einer Eigenständigen Jugendpolitik erarbeiten werden.

Wie trägt das Projekt Jugend Macht Zukunft dazu bei, dass Jugendbeteiligung gestärkt wird?

Wir begegnen allen beteiligten Akteur*innen auf Augenhöhe. Das heißt, dass wir sie in ihrer jeweiligen Lebens- bzw. Arbeitswelt anerkennen, ernst nehmen und dadurch einen gleichberechtigten Austausch ermöglichen.

Zunächst arbeiten wir kontinuierlich mit jungen Menschen zusammen. Das heißt konkret: Junge Zukunftsgestalter*innen können selber Themen auf die Agenda setzen, die mit Entscheidungsträger*innen gemeinsam bearbeitet oder diskutiert werden sollen. Die Beteiligung soll also möglichst wirksam sein. Als Projektmitarbeiter*innen liegt es an uns, die Prozesse in Absprache mit den jungen Menschen und den weiteren Akteur*innen zu koordinieren und zu begleiten. Dies braucht Zeit und Planung, da sich der Rhythmus der gemeinsamen Arbeitstreffen primär an der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen orientiert.

Das Leuchtturmthema „Jugendgerechter ÖPNV für Sachsen-Anhalt“ bearbeiten wir beispielsweise bereits seit über einem Jahr. Während des Prozesses wandelte sich der Fokus mehrfach. Je nachdem, mit welchen Akteur*innen wir uns getroffen haben, seien es jetzt Mitarbeiter*innen der Verkehrsverbünde/-unternehmen, der Verwaltung oder zuletzt den verkehrs- und jugendpolitischen Sprecher*innen der Parteien, bekamen die Jugendlichen eine andere Sicht auf das Thema ÖPNV, was auch ihre Wahrnehmung veränderte.

Neben der Bearbeitung von Leuchtturmthemen ist die Qualifizierungs- und Fortbildungsreihe, die momentan stattfindet, ein in der Form bisher einmaliger Vorgang. Mitarbeiter*innen aus fast allen Ministerien tauschen sich fachübergreifend über das Thema Kinder- Jugendbeteiligung aus und entwickeln Praxiskriterien für deren Umsetzung auf Landesebene. Wir sind gespannt, was wir am Ende festhalten können und wie sich anschließend die konkrete Umsetzung gestaltet.

Graphic Recording by Anne Lehmann

Auf welchem Stand befindet sich das Verständnis zu Kinder- und Jugendpartizipation von Beamten in lokalen Behörden und Ministerien?

Pauschal lässt sich das sehr schwer beurteilen. Jedes Ministerium tickt anders. Da ich aber während meiner Gespräche in fast allen Ressorts Mitarbeiter*innen gefunden habe, die mit mir über Jugendbeteiligung reden wollten, kann man schon sagen, dass das Thema Beteiligung dort grundsätzlich auf jeden Fall präsent ist. Dass es  gerade in Sachsen-Anhalt wichtig ist, junge Menschen hier zu halten (Stichwort „demographischer Wandel“) und ihnen eine Perspektive zu bieten, ist vielen Mitarbeitenden bekannt. Deswegen hat das Thema Beteiligung junger Menschen hier nach wie vor einen hohen Stand. In diesem Bereich entwickelt sich erfreulicher Weise einiges im Moment, kommunal als auch auf Landesebene.

Was haben die verschiedenen Vertreter*innen aus den Ministerien dir zu Kinder- und Jugendbeteiligung erzählt?

Auch das war unterschiedlich. Das Ministerium für Bildung oder das Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration bieten auf den ersten Blick z.B. mehr thematische Schnittstellen mit jungen Menschen, als das Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr. Das heißt jedoch nicht, dass dort automatisch mehr Jugendbeteiligung passiert oder gewünscht ist. Es hängt auch immer von individuellen Faktoren ab.

Beispielsweise über persönliche Zugänge durch z.B. Verbands- oder Vereinsarbeit seitens der Mitarbeiter*innen oder deren Kinder, die – um das Thema ÖPNV erneut zu nennen – selbst mit dem Bus zur Schule bzw. zu Freizeitaktivitäten fahren müssen.

Ressortübergreifend lässt sich sagen, dass das Thema Jugend in allen Häusern auf der Agenda steht, die Beteiligung Jugendlicher jedoch für viele auf Landesebene erst einmal noch zu abstrakt war. Durch die Leuchtturmthemen konnte dies dann konkreter und greifbarer gemacht werden. Im Rahmen der Qualifizierungsreihe versuchen wir nun darauf aufbauend weiter dafür zu sensibilisieren.

Inwiefern soll ÖPVN jugendgerechter werden und wird es in Zukunft mehr W-LAN-Hotspots im ländlichen Raum geben?

Jugendgerecht heißt, die Planung des ÖPNV näher als bisher an die Lebenswelt und Interessen junger Menschen zu organisieren. Auch wenn die Zeit in der Schule das Leben junger Menschen für einen Großteil bestimmt und es demnach wichtig ist, den Transport dorthin und zurück zu gewährleisten, ist die individuelle Gestaltung danach ebenso wichtig. Kinder und Jugendliche engagieren sich in Verbänden, Vereinen oder wollen nachmittags einfach nur Freunde treffen, die nicht immer im gleichen Ort sind. Durch unsichere oder schlechte Fahrzeiten wird dies leider häufig behindert. Hier würde es schon helfen, durch Umfragen, wie wir sie zum Beispiel im Projekt durchgeführt haben, etwas mehr Mitbestimmung und Transparenz in Form einer Anhörung zu ermöglichen, um Fahrpläne mitzugestalten.

Zudem sind die Fahrkarten nicht für jede Familie finanziell zu stemmen. Uns sind hier Beispiele bekannt, demnach junge Menschen ihre Ausbildung abbrechen mussten, weil sie die Kosten für den Arbeitsweg nicht bezahlen können. Ein Azubi-Ticket, wie es in Sachsen-Anhalt schon seit einiger Zeit gefordert wird, wäre ein wichtiger Schritt.

Es wäre natürlich wünschenswert, wenn es in Zukunft mehr WLAN-Hotspots im ländlichen Bereich geben würde. Im Rahmen der Digitalen Agenda des Landes sehen wir hier auch konkrete Anknüpfungspunkte und Maßnahmen sind vom Land dort auch schon getroffen worden. Erste Gespräche mit dem Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung verliefen sehr vielversprechend.

Welchen Hürden begegnen die Expert*innen aus den Ministerien?

Ministerien arbeiten nach ganz bestimmten Vorgaben, Abläufen und Hierarchien. Diese aufzubrechen und für junge Menschen zu öffnen ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen passieren kann und von vielen verschiedenen Faktoren abhängig ist. Mit jeder Legislatur gibt es zudem auch personelle Veränderungen, andere politische Mehrheiten und damit auch andere Perspektiven auf das Thema Kinder- und Jugendbeteiligung.

Es muss letztlich von ganz oben gewollt sein, dass Räume geschaffen werden, die wirksame Beteiligung auf Augenhöhe ermöglichen. Hierfür braucht es Zeit, Geld und personelle Ressourcen, also alles Faktoren, deren Verteilung und konkrete Bestimmung immer mit Konflikten verbunden sein wird.

Kannst du aus den Gesprächen, Schlussfolgerungen zu erfolgreicher, effektiver und nachhaltiger Jugendbeteiligung ziehen?

Aus den Gesprächen allein lassen sich noch keine Schlussfolgerungen ziehen. Sie sind eine Momentaufnahme aus der Arbeitswelt der Landesverwaltung. Diese sind meiner Ansicht nach jedoch ein wichtiger Ausgangspunkt, um gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.

Das ist eine der zentralen Erkenntnisse, die ich aus den Gesprächen mitgenommen haben. Verwaltungsmitarbeiter*innen sind keine Kritiker*innen oder sogar Feinde von Jugendbeteiligung. Im Gegenteil waren sie sehr interessiert daran, mehr über das Thema zu erfahren. Wichtig ist es, sie genauso wie junge Menschen in ihrer Lebenswelt bzw. Arbeitswelt ernst zu nehmen. Hier gilt es in erster Linie eine gemeinsame Sprache zu finden, sodass sich beide Gruppen auf Augenhöhe austauschen höhen. Was wir dabei leisten, ist Übersetzungsarbeit zwischen Verwaltungssprache und jugendgerechten Formulierungen, um die verschiedenen Interessen miteinander in Einklang zu bringen.

Funktioniert die Zusammenarbeit zwischen der Jugendlichen, Jugendverbänden und staatlichen Behörden in Sachsen-Anhalt schon gut oder könnte sich da noch etwas tun?

Also die Zusammenarbeit zwischen Verbänden und Jugendlichen funktioniert, soweit ich Einblick darin habe, gut. Bei uns im Projekt wirken junge Menschen aus Verbänden mit, deren positiven Erfahrungen aus der Verbandsarbeit auch die Zusammenarbeit im Projekt vorangebracht haben.

Auch die Zusammenarbeit mit den Ministerien hat sich insgesamt positiv entwickelt. Als Kooperationsprojekt mit dem Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration bestehen ohne hin enge Kontakte, was die konkrete Projektarbeit betrifft. Hier findet ein regelmäßiger Austausch statt, der von allen Seiten geschätzt wird. Der Kinder- und Jugendring wurde auch unabhängig von Projekt in Prozesse mit einbezogen, z.B. bei der Förderrichtlinie im Bereich Jugendbildung.

Aber auch auf kommunaler Ebene ist mit dem Start des „Landeszentrum Jugend + Kommune“, in Trägerschaft vom Verein KinderStärken e.V., eine de-(zentrale) Anlaufstelle entstanden und vom Land gefördert worden, die Akteur*innen zum Thema Jugendbeteiligung vernetzt und Modellkommunen in dem Bereich berät.

Im Grunde funktioniert also die Zusammenarbeit. Luft nach oben besteht natürlich immer, aber es hat sich schon vieles positiv entwickelt. Alle Seiten bemühen sich Themen jugendgerecht voranzubringen. Als Kinder- und Jugendring wurden wir beispielsweise im Rahmen der Änderung des Kommunalverfassungsgesetzes oder des Schulgesetzes angehört und nahmen offiziell Stellung.

Was kann Politik und was können junge Menschen für die erfolgreiche Verwirklichung von Jugendbeteiligung tun? Welche konkreten Schritte sind dafür notwendig?

Jugendbeteiligung funktioniert nicht um ihrer selbst willen, sondern nur da, wo junge Menschen über die gemeinsame Bearbeitung an konkreten und selbst identifizierten Themen oder Problemlagen direkte Wirksamkeit ihres Handelns erfahren können.

Es ist ein Prozess, der Zeit und Begleitung braucht, denn Beteiligung verläuft selten linear, sondern häufig situativ. Wir sind als Projekt nicht zu jungen Menschen gegangen und haben gefragt, ob sie sich beteiligen wollen, sondern junge Menschen kamen mit konkreten Anliegen zu uns, als wir einen Raum für Austausch angeboten haben. Der Rest entwickelte sich im Prozess und der Interaktion mit Entscheidungsträger*innen.

Hierbei spielt der Aspekt der Machtabgabe an junge Menschen eine entscheidende Rolle. Jugendliche sind nicht dumm und naiv, sie merken sofort, wenn sie nicht ernst genommen werden. Hier muss es geeignete Formate geben, die über das bloße Nachspielen von Erwachsenengremien hinausgehen und ein Ergebnis in Aussicht stellen, dass die jungen Menschen selbst durch ihr Handeln erwirkt haben.

Jugendliche aus unserem Projekt werden im Herbst in den Verkehrsausschuss des Landes gehen und dort mit den Mitgliedern über ihre Forderungen in den Austausch treten. Wie es danach weitergeht, wird im Anschluss zusammen diskutiert und nächste Schritte geplant. Der Prozess an sich hat jedenfalls schon gezeigt, dass es sich lohnt kontinuierlich an einem konkreten Thema dranzubleiben. Dies motiviert nicht zuletzt auch junge Menschen sich weiterhin demokratisch zu beteiligen und die Gesellschaft aktiv mitgestalten zu wollen.